"Wunschkonzert" Maura Morales

Choreographie/Tanz: Maura Morales; Bühnenbild: Claudio Capellini, Dramaturgie: Claudia Küppers, Lichtdesign: Niko Moddenborg, Musik: Michio,  Kostüm: Thi Nga Nguyen

 

»Wir haben sämtliche Wahrheiten gegen uns. Aber wir setzen unser Leben fort, weil wir sie einfach hinnehmen und uns weigern, die nötigen Schlüsse zu ziehen.« – Cioran: Lehre vom Zerfall

 

Ein Stück in »Schwarzweiß« über Anonymität und seelische Leere.

 Die Hoffnungslosigkeit des realen Lebens, voller beschnittener, ungelebter Träume und Zurückweisungen, steht neben einer Traumwelt, in der, wenn auch nur aus weiter Ferne, das Aufbegehren und der Wunsch, sich selbst zu finden und sogar Freude und Lebenslust, existieren.

 

Beide Welten geraten in Bewegung, sie berühren sich und es entsteht ein neuer Raum, grau, tonlos, vollkommen isoliert und ohne Türen. Dort, zum Greifen nah und doch unerreichbar, treffen soziale Realität und magischer Realismus aufeinander und lauschen dem »Wunschkonzert«.

 

Gedanken zur Entstehung von “Wunschkonzert”:

 

“Wunschkonzert” ist ein Stück, das seit fünf Jahren in meinem Kopf herumgegeistert- und darauf gewartet hatte endlich eine Möglichkeit zur Verwirklichung zu bekommen.

Dabei war die Kernfrage: “Wie kann man aus einem Theaterstück, in dem weder Text noch Gedanken vorkommen, ein Tanzstück machen, welches all das darstellt, was nicht gesagt wird.

 

Erste Versuche unternahm ich während einer Residenz am Festspielhaus St. Pölten. Dort, allein in einer riesigen, leeren 5 Zimmer-Wohnung, versuchte ich, mich dem Leben des “Fräulein Rasch” zu nähern und es zu verinnerlichen: In dieser Wohnung, wie in einer Zelle vor mich hinvegetierend, mich nur von Tiefkühlkost ernährend und mit billigen Kleiderfetzen am Leib, begann ich einen Körper zu fühlen, ähnlich dem eines Raubtieres im Zoo, das sich formvollendet in der alltäglichen Langeweile bewegt und die trostlose Leere eines biederen, eintönigen, konstruierten und ereignislosen Lebens vor sich und der Welt verbirgt.

 

Zwei Wochen später, wieder zurück in Düsseldorf, wurde mir klar, dass diese Frau sich so wenig menschlich wie möglich bewegen sollte, denn sie trägt auf ihren Schultern das Gewicht der Routine, den abgestandenen Geruch ihrer Vergangenheit, den Pessimismus ihrer Zukunft und ihren einzigen Wunsch, nicht aufzufallen.

 

Diese Frau war eine Kakerlake, ein Insekt! Daraufhin fing ich an, deren Bewegungen zu studieren. Ich beobachte Grillen, gefangen in einem Wasserglas, Mäuse, wie sie versuchten, Nahrung zu stehlen, etc. Ich benötige einen ganzen Monat, um die Essenz meiner Beobachtungen in das Bewegungsvokabular des Fräulein Rasch zu integrieren. Das Ergebnis war das Bild einer neurotischen, besessenen, einsamen und »kakrelakischen« Frau.

 

Bildrechte: Klaus Handner