Azmari - Begegnungen mit einem äthiopischen Troubadour

Die schillernde Figur in der traditionellen Musik Äthiopiens ist der Azmari. Oft wird er mit den Troubadouren des europäischen Mittelalters verglichen. Früher waren es oft fahrende Sänger und Sängerinnen, die sich auf der Spießlaute Masinko und der Schalenleier Krar begleiteten. Sie spielten zum Tanz auf, brachten in ihren Texten Neuigkeiten und Gerüchte aus fernen Gegenden in Städte und entlegenen Dörfer. Oder aber sie spielten und sangen für den Adel, für Könige und Kaiser. Dann bestand ihr Repertoire aus Lobgesängen und Balladen über Heldentaten und die ruhmreiche Geschichte des äthiopischen Kaiserreiches.

 

Die Azmari galten als Meister der Stegreifdichtung und eines komplexen Sprachgebrauchs der Doppeldeutigkeit, genannt Semena Work, Wachs und Gold. Die wahre Bedeutung einer Zeile oder eines ganzen Liedes eröffnete sich nur dem, der selbst diese Kunst beherrschte. Diese Doppeldeutigkeit ermöglichte es den Azmari, Kritik an den Herrschenden zu äußern und sie ihnen direkt ins Gesicht zu singen, ohne dabei gleich Kopf und Kragen zu verlieren.

 

Dejen Manchelot stammt aus einer Musiker Dynastie. »Ein Azmari wird man nicht, als Azmari wird man geboren«, so sagt man in Äthiopien. Er ist ein moderner Musiker, der dennoch mit beiden Füßen in der Tradition der klassischen Azmari steht. Er ist ein Meister der Stegreifdichtung, des lebendigen Vortrags und Dialogs mit dem Publikum und ein hervorragender Masinko-Spieler.

 

In Deutschland ist völlig unbekannt, dass die ersten Tonaufnahmen von äthiopischer Azmari-Musik 1908 in Berlin entstanden. Negadras Tessema Eshete wurde von Kaiser Menelik II nach Deutschland geschickt und hier entstand ein Schatz von mehr als 30 Tondokumenten. Tessema wurde später der berühmteste Dichter seines Landes. Sein Enkel, Tadele Yidnekatchew, hat Dejen Manchelot, Josephine Kronfli und Pit Budde in Addis Abeba zusammengeführt, um ein Musik-Projekt in Deutschland auf die Bühne zu bringen, das sich der Kunst der Azmari und insbesondere dem Erbe des legendären Tessema Eshete widmet.

 

Geplant sind eine Begegnung und ein Bühnenprogramm mit traditioneller und modernisierter äthiopischer Musik, mit Moderationen, Textübertragungen aus der alten semitischen Sprache Amharisch ins Deutsche und musikalisch untermalten Erläuterungen über Kultur, Musik und Geschichte Äthiopiens.

 

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